Von der Jugend bis zu den Profis – Ein Blick hinter die Kulissen beim „geilsten Club der Welt“

Was macht man, wenn man unter der Woche vier- bis sechsmal in der Halle steht und endlich mehr Freizeit hat? Für Marius war die Antwort klar: 760 Kilometer in den Süden fahren und in einer anderen Halle stehen. Im Sommer kam ihm die Idee, sich als Trainer weiterzubilden, indem er bei einem anderen Verein ein Praktikum absolvieren wollte. Die Wahl fiel auf den TSV Herrsching, selbsternannter „geilster Club der Welt“. Praktisch: Die Tante von Marius wohnte in der Nähe, sodass das hin und her zwischen Trainingsstätten und Wohnort organisatorisch unkompliziert war.

Die Geschichte hinter dem „geilsten Club der Welt“

Hinter dem Slogan „Der geilste Club der Welt“ steckt der TSV Herrsching. Die Gemeinde Herrsching mit rund 11.000 Einwohnern liegt südwestlich von München am Ammersee. Gegründet vor etwas mehr als 40 Jahren, war der Verein vermehrt im Frauenvolleyball aktiv. Erst in den 1990er-Jahren entstanden erste Strukturen im Herrenbereich. Den großen Aufstieg nahm die Vereinsgeschichte jedoch ab 2004, als die erste Herrenmannschaft von der Bezirks- in die Landesliga aufstieg.

Aufstieg um Aufstieg führte den Verein schließlich 2014 in die Bundesliga. Aus dem anfänglichen Spruch, dass der kleine Ort durch die Aufstiege doch der „geilste Club der Welt“ sein müsse, wurde ein Markenzeichen und fester Bestandteil des Vereinsimages. Hauptverantwortlich für den sportlichen Erfolg ist Max Hauser. Der gebürtige Herrschinger spielte bis auf zwei Jahre ausschließlich für den TSV Herrsching, führte die Mannschaft als Spielertrainer zu zahlreichen Aufstiegen und etablierte das Vereinsimage. Hauser holte Spieler an den Ammersee, formte sie zu Bundesligaspielern und baute die Strukturen kontinuierlich aus. Seit 2021 finden Heimspiele vermehrt im BMW Park in München statt – eine Arena mit 7.000 Plätzen. Unter dem Namen WWK Volleys Herrsching ist der Verein in der Bundesliga vertreten.

Montag: Die Anreise

Am 13. Oktober machte sich der Praktikant mit dem Zug auf den Weg in den Süden. Kurz vor Hannover Hbf blieb der Zug stehen, um auf einen aus Hamburg kommenden Zug zu warten – in diesem Moment riss die Oberleitung. Drei Stunden Stillstand folgten, bis die Deutsche Bahn einen Evakuierungszug organisierte. Mithilfe der Bundespolizei wurden alle Fahrgäste evakuiert, und der Praktikant erreichte schließlich den Hannover Hbf. Mit dem nächsten Zug ging es weiter Richtung München. Nach fünfeinhalb Stunden Verspätung kam er bei seiner Tante an.

Dienstag: Beginn des Praktikums

In der Krafthalle Gilching begann das Praktikum offiziell. Nach Absprache im Vorfeld erhielt der Praktikant die Möglichkeit, die Bundesliga-Mannschaft zu begleiten. Trainer Thomas Bob Ranner, selbst zehn Jahre Bundesliga-Spieler und seit 2022 Cheftrainer bei Herrsching, begrüßte ihn und stellte ihn der Mannschaft vor. Die Spieler stammen überwiegend aus Deutschland, dazu ein Serbe, ein Kubaner und ein Japaner. Englisch ist daher die offizielle Trainingssprache.

Jeder Spieler trainiert nach einem individuellen Plan, fein dokumentiert in Trainingsbüchern. Elektronische Geräte sind weitgehend verboten. Kommentar des Trainers: Auch Profispieler neigen dazu, kurz auf Social Media zu schauen, was den Trainingsfluss stört. Nur ein Tablet erfasst Schnellkraftwerte für den Athletiktrainer. Je nach Position und Gesundheitszustand variieren die Übungen: Angreifer trainieren an der Langhantel, Liberos absolvieren Sprint- und Schnellkraftübungen, verletzte Spieler arbeiten mit leichten Gewichten.

Nach dem Krafttraining folgte für einige Spieler das Balltraining, das strikt nach Position strukturiert ist. Diagonalspieler und Mittelblocker trainieren Abwehrbälle, der Zuspieler wiederholt immer denselben Pass, Außenspieler und Libero konzentrieren sich auf die Annahme. Der Praktikant durfte Bälle fangen, während kleine Bewegungsdetails vom Trainer angesprochen und korrigiert wurden. Um 14 Uhr war das Training für die Bundesligamannschaft beendet.

Als Nächstes wurde die zweite Mannschaft ins Visier genommen. Mit dem Trainer Stefan konnte abgeklärt werden, dass der Praktikant am Training aktiv teilnehmen darf. Die zweite Herren spielt in der Regionalliga und startete mit zwei Siegen gut in die Saison. Dass in Herrsching seit zehn Jahren Bundesliga gespielt wird, merkt man im Training. Die Trainingsgruppe besteht aus Ex-Bundesligaspielern der ersten, zweiten und dritten Liga, Regionalligaspielern sowie dem Praktikanten, dessen Regionalligazeit bereits sechs Jahre zurückliegt. Das Tempo gestaltet sich durch die Mischung aus Erfahrung zügig. Konzentration ist durchgehend erforderlich; wer hier mithalten möchte, muss sich durchsetzen.

Mittwoch: Bei den Kleinen

Dank der Jugendleiterin Franziska wusste der Praktikant, was in den nächsten Tagen in der Realschul- und Nikolaushalle los sein würde. Ab 18 Uhr trainierten Kinder und Jugendliche von 11 bis 18 Jahren. Klein, groß, Mädchen oder Junge – sie standen zunächst ungeordnet in der Halle. Die Netze wurden langsam aufgebaut. Mitten im Gewusel: Chef Max Hauser. Nachdem er den Athletikparcours aufgebaut hatte, ging es los: zehn Minuten Athletik, dann Balltraining. Etwa 30 Kinder und Jugendliche liefen hin und her und machten die Übungen. Hier und da gab es Hinweise und Korrekturen. Nach dem Einspielen wurden Niveaustufen gebildet. Neben Max Hauser unterstützen zwei weitere Trainer sowie Eltern, die die ganz Kleinen betreuten. Der Praktikant half bei der U-16, warf Bälle ein und begann zunehmend zu coachen. Mitten zwischen U-16 und U-18 saß Hauser, beobachtete die Spieler und schickte sie zwischen den Gruppen hin und her. Sein Ziel: Die deutsche Jugendmeisterschaft mit den Jungs erreichen. Nach zwei Stunden endete das Training; Hauser zeigte sich zufrieden.

Im Anschluss trainierte die vierte Herrenmannschaft. Mit elf Spielern, darunter ein Trainer, spielte der Coach selbst mit. Der Praktikant war erneut für Einwurf und Coaching zuständig und gab technische sowie taktische Hinweise. Auch der „geilste Club der Welt“ muss sich bemühen, genügend Trainer zu haben.

Donnerstag: Schnelles Tempo

Wieder bei der Bundesliga begann der Tag um 11 Uhr mit Krafttraining. Der Ablauf ähnelte dem vom Dienstag, ergänzt durch einige neue Übungen, die der Praktikant noch nicht gesehen hatte. Währenddessen nutzte er die Gelegenheit, mit einzelnen Spielern über ihren Alltag in der Bundesliga zu sprechen. Wer in Herrsching spielt, kann sich vollständig auf Volleyball konzentrieren: Wohnungen und Autos werden bereitgestellt, Verletzte erhalten sofort Termine in den Starnberger Kliniken.

Bei Heimspielen im BMW Park können sich die Spieler nach der Wettkampfvorbereitung im Spielerhotel ausruhen und auf das Spiel fokussieren. Das Gehalt ist angemessen; wer gut wirtschaftet, kann etwas sparen. Die Strukturen gelten im Vergleich zu anderen Vereinen als vorbildlich. Wer als Profi leben möchte, kann dies in Herrsching tun, ohne zusätzlich arbeiten zu müssen.

Nach dem Krafttraining folgte Balltraining unter Anleitung des Co-Trainers Daniel. Beruflich ist er Lehrer, arbeitet aber nebenberuflich als Trainer. Heute kam eine Ballmaschine zum Einsatz, die Aufschläge bis 120 km/h simulierte. Ziel: Die Bälle so weit zu entschärfen, dass sie vom Zuspieler genutzt werden können. Die Übung dauerte 30 Minuten, Liberos und Außenannahmespieler wechselten sich ab. Auch der Praktikant durfte sich ausprobieren: Von vier Bällen flog einer ins Aus, drei konnten berührt werden, verfehlten jedoch das Ziel, die Zuspielposition.

Obwohl Volleyball in Herrsching boomt, ist die Region auch stark vom Handball geprägt. Die Nikolaushalle besitzt einen Hallenboden, bei dem die Handball-Torräume und das Volleyball-Zentralfeld farblich hervorgehoben sind.

Im Training der zweiten Herren bestätigte sich der Eindruck vom Dienstag: Lasch spielen gibt es hier nicht. Hohe Geschwindigkeit und ständige Bewegung prägen die Einheit. Der Praktikant musste darauf achten, das Niveau nicht zu senken. In dieser Mannschaft besteht starke Konkurrenz aus ehemaligen Bundesligaspielern, aufstrebenden Jugendspielern und stabilen Stammspielern.

Freitag: Ohne Volleyball

Der Praktikant nahm sich einen Tag Auszeit vom Volleyball und besuchte Schloss Neuschwanstein und Hohenschwangau.

Samstag: Auch am Wochenende wird trainiert

Selbst in einer Bundesligamannschaft gibt es Krankheitsfälle, sodass das ursprünglich für Donnerstag geplante Mannschaftstraining verschoben wurde. Nachholtermin war der Samstagnachmittag. Im ersten Mannschaftstraining, das der Praktikant miterlebte, bestätigte sich der Eindruck von der zweiten Herren: schnelles, intensives Spiel, kaum Pausen. Die Co-Trainer organisierten die Übungen, gaben Bälle nach, und der Ballkorb war nie leer. Konzentrierte Spiel- und Übungsformen gepaart mit kleinen Spielchen prägten das Training. Den Spielern war anzumerken, dass sie jede Wiederholung ernst nahmen. Der Trainer blieb ruhig, gab Hinweise und lockerte die Stimmung gelegentlich auf.

Am Abend folgte das dritte Saisonspiel der zweiten Herren. Der Praktikant half an der Punktetafel. Gegen den TSV Zirndorf II startete man holprig, danach entwickelte sich das Spiel klar zugunsten von Herrsching. Ein sechzehnjähriger Jugendspieler sorgte mit seinen Sprungaufschlägen für entscheidende Aufschlagserien. Auch der zweite Satz wurde gewonnen, der dritte Satz war am engsten, doch die Moral des Gegners war angeschlagen. Vor rund 50 Zuschauern sicherte die Mannschaft den dritten Saisonsieg. Im Anschluss gab es Bier und Pizza für Spieler und Helfer.

Sonntag: Fokus bleibt

11 Uhr Krafttraining mit Athletiktrainer Jonathan. Jonathan leitet seine Praxis in Haching, betreut neben Volleyballern auch Tennisspieler und ein American-Football-Team aus München. Spieler mit speziellen Wünschen können zu ihm kommen. Er erstellt Trainingspläne und ist mindestens einmal pro Woche bei der Mannschaft. Seine Präsenz gibt dem Training zusätzlichen Reiz: Er korrigiert selbst die kleinsten Details, etwa beim Sprung auf eine Platte, die Körperhaltung oder die Höhe des Absprungs. Vorbei war der Tag für die Volleyballer nicht.

Um 16:30 stand noch das nächste Mannschaftstraining an. Erneut unter der Beobachtung mehrerer Trainer.

Montag: Die Vorfreude steigt

17 Uhr: Kindertraining. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren jünger und kleiner als am Mittwoch. Jugendliche betreuen unter Anweisungen von Max Hauser das Training, bevor er selbst wieder verschwindet. Der Praktikant unterstützt ebenfalls.

Um 18:30 Uhr ist das Training beendet, und es steht die Einheit der U-18 an. Eine Hospitation ist nicht vorgesehen. Stattdessen soll der Praktikant kurzfristig das Damentraining übernehmen, da der Trainer ausfällt. Vor sieben Spielerinnen muss er spontan ein strukturiertes Training entwickeln. Im gefühlten Überlebensmodus rattert sein Kopf, um eine sinnvolle Trainingsabfolge zu finden. Die Spielerinnen nehmen die Situation humorvoll und positiv auf, und gemeinsam wird ein forderndes Training durchgeführt.

Als letzte Einheit des Tages trainiert die Bundesliga-Mannschaft. Die Musik wird laut aufgedreht, die Spieler hochmotiviert. Heute 6 gegen 6. Drei Ex-Bundesligaspieler springen ein, sodass insgesamt 14 Spieler zur Verfügung stehen. Drei Kurzsätze beim Stand von 14:14 werden durchgespielt. Nach 75 Minuten ist alles vorbei, und die neuen Trikots im Lederhosen-Design werden ausgegeben.

Dienstag: Spieltag

10 Uhr: Der Praktikant betritt die BMW-Arena. Die Arena verfügt über einen LED-Boden, der per Knopfdruck zwischen verschiedenen Sportarten wechseln kann. Für Volleyball werden Netzpfosten, Netz und Antennen vom Verein gestellt. Die Mannschaft geht zunächst in den Besprechungsraum zur Videoanalyse. Spielszenen des heutigen Gegners ASV Dachau werden analysiert, einzelne Spieler besonders beobachtet. Statistiken aller Bundesligaspieler stehen den Vereinen zur Verfügung.

Zurück auf dem Feld testet der Praktikant neugierig den Boden mit einem Hechtbagger und schlägt auf. Anschließend heißt es: Platz machen für die Spieler. Der Ablauf entspricht den vorherigen Mannschaftstrainings: Der Praktikant sammelt Bälle von den Tribünen auf oder steht am Netz und fängt Bälle von den Annahmespielern. Kurz nach 12 Uhr ist die Vorbereitung abgeschlossen. Der ASV Dachau kommt herein und beginnt seine eigene Vorbereitung.

19:30 Uhr: Die Arena füllt sich. 2489 Tickets wurden für das bayerische Derby verkauft: Herrsching gegen Dachau. Der Hallensprecher heizt die Stimmung an, Animationen auf dem LED-Boden verstärken die Atmosphäre. Trotz der angespannten Personallage erfüllt Herrsching die Favoritenrolle: Dachau leistet sich zu viele Eigenfehler, Herrsching gewinnt klar mit 3:0.

Das Praktikum endet offiziell. Der Praktikant bedankt sich bei der Mannschaft für die umfassenden Einblicke und beim Geschäftsführer Max Hauser, der das Praktikum ermöglicht hat. Damit sind die sieben ereignisreichen Tage hinter den Kulissen des „geilsten Clubs der Welt“ abgeschlossen.

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